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Die Kaltenmühle Von Strohpuppen und Strümpfen
So wie die Strohpuppen zwischen den historischen Ziegeln, eine absolute Rarität im Vogelsberg, das Mühlendach dicht halten, sind auch die unvermeidlichen Spaltbildungen zwischen dem Lehmaußenputz und dem ewig arbeitenden Fachwerkhölzern sowie Löcher durch heraus gefallene hölzerne Nägel der Holzverzapfung verstopft. Doch nicht mit Stroh, sondern mit Stoffresten dichtet die Mühlenbesitzerin die zugigen Öffnungen. Da schaut schon einmal ein alter Socken aus der Außenfassade heraus, dem der recht gute Erhaltungszustand des Hauses mitzuverdanken ist.
Und doch kriecht Kälte durch die dünnen Lehmwände und den einfachverglasten Fenstern, wenn ist es kalt wird im rauen Vogelsberger Winter. Elisabeth, die nur einen Raum mit Kammer bewohnt, steckt dann den Herd an, der einzige Wärmespender im Hause. Und wenn es extrem kalt wird, dann "bleibe ich eben im Bett" bewältigt die humorvolle Frau auf ganz pragmatische Art und Weise so manchen eiskalten Wintertag. Nach einer Statistik der Schornsteinfegerinnung wird jeder dritte Vogelsberger Haushalt immer noch mit Einzelöfen beheizt, vorwiegend Holzbrand.

Ein dicke Schicht aus Holzteer, der Wände und Decken rund um den Herd in der Küche überzieht, lässt die Vermutung zu, dass die Kaltenmühle einst ein so genanntes "Rauchhaus" war. Bei diesem Haustyp, der die vorherrschende Hausform in ländlichen Gebieten bis ins 16. Jahrhundert war, zog der Rauch von der Feuerstelle mit Rauchfang durchs Haus über das Dach ins Freie ab. Über der Kochstelle solch heute nicht mehr vorhandener Häusern befand sich ein Funkenhut, ein lehmverschmiertes Weidengeflecht, das die Funken abfangen soll. Historische Dorfansichten um 1530 zeigen meist Stroh gedeckte Häuser ohne Schlote. Nur vereinzelt deuten sich aus dem Dach ragende Schornsteine an, hölzerne Schlote, die mit einer eigenartige schrägen Klappe ausgestattet sind, vermutlich um den Rauchabzug zu regulieren. Rätselhaft in der Kaltenmühle ist der Befund, dass auch eine elektrische Deckenlampe neueren Datum mit der Holzteerschicht überzogen ist. Somit müsste diese archaische Rauchabzugsweise bis ins 20. Jahrhundert praktiziert worden sein, was kaum glaubhaft ist. Wasseranschluss und folglich ein Abwasserkanal fehlen in der Kaltenmühle. Die Wasserquelle, ein "guter Born", mittlerweile verschüttet, lag außerhalb des Hauses.
Lichtstrom ist seit 1928 vorhanden, der jedoch lediglich der Beleuchtung dient. Denn "Fernsehen macht krank und ist für die Dummen gedacht", wehrt sich Elisabeth standhaft gegen den Einzug der Moderne. Die Verweigerungshaltung zahlt sich aus: "Gut, dass ich im Kopf noch in Ordnung bin", erfreute sich die rüstig, resolute Mühlenbesitzerin noch vor kurzem eines hellwachen Geistes. Nun ist sie gestorben, ihren 90. Geburtstag hat sie doch nicht mehr erlebt.
Die Kaltenmühle - Text & Recherche: Claus Schwing und Liane Jache, Karuszel e.V., Dezember 2000.
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